Gute Konzerte brauchen halt eine Weile zum Verdauen, deshalb erst jetzt das Review von Katrin. Vielen Dank auch an sie! Vorhang auf:
Vorfreude. Seit Tagen. Wenn ich ehrlich bin, bereits seit Wochen. Genau genommen, seit dem Tag, an dem ich erfahren habe, dass Jonah Matranga heute in Köln spielen wird. Endlich wieder.
Durch die klirrende Kölner Kälte ging es also auf zum Blue Shell. Nach und nach füllte sich die gemütliche und recht überschaubare Lokation mit mehr und mehr Menschen und ich überlegte, wie viele der Anwesenden Jonah bereits live gesehen haben und sich auf diesen Abend wohl ebenso sehr freuen wie ich. Zum Zählen meiner Jonah-Konzertbesuche brauche ich mittlerweile mehr als fünf Finger und kann rückblickend sagen, dass jedes einzelne von ihnen ein Ereignis war.
Dieser Mann versprüht so viel Energie bei seinen Auftritten, dass es mir vorkommt wie „Auftanken“- man fühlt sich einfach gut danach und geht mit diesem positiven Gefühl heim, egal mit welchen Gedanken und Gefühlen man gekommen ist. Danke an dieser Stelle dafür!
Nachdem meine Fingerspitzen langsam wieder auftauten, betrat Ian Love als erster die Bühne. Ich hatte mich im Vorfeld nicht weiter mit diesem Namen beschäftigt und war gespannt, wer dieser vollbärtige, ruhige Typ mit der Jazz-Gitarre wohl ist. Ian stellte sich dem Publikum vor und erklärte, dass er bereits vor Jahren mit seiner alten Band Rival Schools durch Deutschland getourt sei, aber dass ein Solo-Auftritt ohne Band im Rücken natürlich etwas anderes, Besonderes ist. Mit seiner Gitarre bewaffnet, einem kleinen technischen Hilfsmittel im Gepäck, welches den Rhythmus unter seine Songs
zaubert und hochgekrempelten Karohemdärmeln legte Mr. Love los und gewann bereits mit den ersten Akkorden das Publikum für sich.
Die Lieder, die er mitgebracht hatte, sind mindestens genauso sympathisch wie er: hell, ruhig und wärmend – eben das Richtige für einen kalten Winterabend. An dieser Stelle unbedingt hervorzuheben sind für mich das wundervolle „the only night“ und das von ihm sehr zerbrechlich, zum Teil fast flüsternd vorgetragene „don’t let go“. Nach wenigen Songs bittet Ian Jonah dann darum, ihn auf der Bühne zu unterstützen und die beiden geben „Helpless“ von Neil Young zum Besten. Ein schöner Moment, doch noch schöner war für mich die Tatsache, dass sich Ian scheinbar wirklich wohl auf dieser kleinen Kölner Bühne gefühlt hat – denn was können die Zuhörer einem Musiker besseres entgegenbringen, als ihre volle Aufmerksamkeit und wohlwollenden, ernst
gemeinten Applaus. Für mich stand jedenfalls da schon fest, dass ich seine Platte mit nach Hause nehmen und bestimmt anwesend sein werde, wenn er das nächste mal hier in der Gegend auftritt.
Nach einer kurzen Pause betrat Jonah mit seiner schwarzen Takamine die Bühne. Der Abend sollte mit einem Songwunsch beginnen, ein älteres Stück, was er vermutlich sonst nicht an diesem Abend gespielt hätte. Und schon war sie da. Bereits mit dem ersten Lied, diese Intimität und Wärme die er versprüht, wenn er seine Songs mit andern Menschen teilt. Und dieses wohlige Gefühl in meinem Bauch. Was folgte war ein bunter Mix aus altbekannten, mehr als liebgewonnen Stücken aus New End Original, Onelinedrawing und sogar Far-Zeiten, sowie Songs des ganz neuen Albums, welches das erste Mal überhaupt unter seinem Namen veröffentlich wurde.

Wobei, meines Erachtens, seine neuen Songs live durchaus zu überzeugen wissen. Zur Überraschung des Kölner Publikums stimmte Jonah einen seiner wohl bekanntesten Songs auf deutsch an: „Vierzehn zu Einundvierzig…“. Schmunzeln. Doch dies sollten nicht die einzigen deutschen Textzeilen des Abends bleiben; es folgten außerdem das bezaubernde „Bitte ein Kuss“, sowie ein mit seiner Botschaft ansteckendes „Ich heiße Jonah, ich bin glücklich“ (was gesungen mehr wie ein glucklick klingt *g*). Sehr sympathisch.
Mein vermutlich ewiges Lieblingslied „Better than this“ wurde im Refrain von einem kollektiven Gesang des Publikums begleitet, wodurch es eine gewisse, einzigartige Dynamik entwickelte und sich neben „Crush on everyone“ (einer meiner meistgehörten Songs, der sich mit Textzeilen wie „or if you’re just as scared as me, if that’s what it’s about – please let me find out“ in mein Hirn und Herz gebrannt hat) zu meinem persönlichen Favoriten des Abends entwickelte.
Zwischen den Songs suchte Jonah immer wieder auf’s Neue den Kontakt zu den Anwesenden, erzählte Anekdoten aus seinem Leben, zu seinen Songs, schlichtete einen Streit in der Menge, nahm Songwünsche entgegen und schäkerte mit einem Mädel aus der ersten Reihe, nachdem dieses sich den Song „Stay“ gewünscht hatte – „Do you want me to stay, or do you want me to play the song?
“. Durch diese Nähe zu den Zuhörern schafft er es, seiner Musik etwas persönliches, scheinbar greifbares mit auf den Weg zu geben: man steht zwar in einem Pulk Fremder, doch kommt es einem so vor, als würde er jeden Song nicht für die Menge, sondern für jeden einzelnen Anwesenden singen. Als würde ein alter Freund, den man lange nicht gesehen hat, vorbeischauen und sagen „schön dich wiederzusehen, ich habe dir was mitgebracht“ und es sich so anfühlt, als hätte man sich nie aus den Augen verloren. Wohlfühlen.
Auch bei Jonahs Auftritt sollte Ians Unterstützung nicht fehlen, und so coverten die beiden gemeinsam gegen Ende die Deftones, wobei Ians Gitarrenspiel mit Bottleneck dem Ganzen eine eigene Note gab. Nach guten anderthalb Stunden Jonah in seinem Element, war es Zeit für eine letzte Zugabe, „Mother Mary“ als Akustik-Version aber mindestens genauso, wenn nicht noch mitreißender als die krachende Variante von Far. Man konnte den Eindruck haben, dass er dem Publikum eigentlich gerne noch weitere Zugaben dargeboten hätte, allerdings machte das Blue Shell dem Abend ein abruptes Ende – weitere Zugaben wurden leider nicht gestattet.
Zu guter Letzt hieß es nun also noch „hi-sagen“ am Merch-Stand, nicht selbst fotografieren, sondern Jonah Fotos machen lassen und anschließend ging es mit zwei signierten, orangenen LPs („marko has a cool tat“ und „katrin with just one dot“) durch die immer noch klirrende Kölner Kälte zurück. Diesmal allerdings mit dieser inneren, wohligen Wärme, einem zufriedenen Gefühl und einem Schmunzeln im Gesicht. Aufgetankt.
Danke für die Musik, danke für die Ehrlichkeit. Angekommen. Erfroren. Aber glücklich.
Links:
Ian Love
Jonah Matranga

Mindstens genauso toll war sein Konzert in Berlin. Danke Katrin, für den schönen Text. War gerade wieder in Gedanken ganz fest bei besagtem Abend und konnte durch deine Zeilen nochmal die Verzauberung spüren, die Jonah mit seiner Musik aufzubauen vermag. Ach mensch, könnte er nicht gleich heute abend wieder hier spielen…